Selbstloses Dienen (Seva) und spiritueller Machtmissbrauch

Die Aufgabe von Yoga und Meditation ist die Stärkung der individuellen Souveränität. Auf den Weg dorthin kann es allerdings einige Fallstricke geben.
Seva ist ein Yoga-Begriff aus dem Sanskrit. Damit ist die spirituelle Praxis des selbstloses Dienens gemeint. Dienen stärkt die Demut und schwächt das Ego. Seva ist daher ein Gegenpol zur Erlangung von Macht und Einfluss, die oftmals mit der Yogapraxis einher geht. Je weiter die eigene Yoga-Entwicklung ist, desto größer sollte die Demut sein, um nicht in die Falle des spirituellen Egos zu geraten. Aus diesem Grund wird in vielen Yoga-Traditionen – auch im Kundalini Yoga - Seva als Bereicherung und integralen Bestandteil der Yogapraxis angesehen.
Selbstloses Dienen ist so alt wie die Menschheit. Problematisch wird es, wenn in einer hierarchisch aufgebauten Gruppe einige wenige vom selbstlosen Dienst anderer profitieren. Wenn dies zur Festigung von Herrschafts- und Unterdrückungs-Strukturen genutzt wird, können wir von spirituellem Machtmissbrauch sprechen.

Das traditionelle Lehrer-Schüler-Verhältnis im Kundalini Yoga birgt die Gefahr eines Abhängigkeitsverhältnisses. Nur durch einen sehr bewussten Umgang mit gegenseitigen Diensten und Leistungen kann dies verhindert werden. Auch wenn es eine große Erfahrungskluft geben mag, ist der Lehrer doch immer auch ein Schüler, der von anderen lernen kann und sollte. Jegliche Kommunikation sollte daher immer auf Augenhöhe stattfinden und von gegenseitigem Respekt geprägt sein.
Im kollektiven Kontext sollte es keine strukturelle Bevorteilung von LehrerInnen gegenüber SchülerInnen geben. Durch konsensbasierte und basisdemokratische Entscheidungsstrukturen kann verhindert werden, dass sich erfahrenere Lehrer als Halbgötter aufspielen. Sie müssen sich dadurch zum Beispiel auch in finanziellen Belangen dem Kollektiv beugen und ihren eigenen Anteil an Kompensationen beisteuern.
Vor allem aber darf ein Lehrer nicht auf unfaire Weise von der Dankbarkeit oder Wertschätzung seines Schülers profitieren. Das geschieht, wenn er das Vertrauen des Schülers missbraucht, um seine Ziele durchzusetzen, und Schüler dabei in Gefahr bringt, beispielsweise durch eine potentiell gesundheitsschädliche Yoga- oder Meditationspraxis. Hierbei spielen die Bereiche Geld, Macht und Sex eine Schlüsselrolle. Sex ist generell in hierarchischen Verhältnissen tabu und im Kontext von Seva immer eine Form von Missbrauch.
Sobald jemand finanziell vom selbstlosen Dienst eines anderen profitiert, ohne dass ein Ausgleich stattfindet, wird es ebenfalls problematisch. Für eine kurze Zeit mag dies gerechtfertigt sein. Wenn es sich allerdings immer wieder wiederholt oder gar Teil eines Vertrages ist, braucht es eine Klärung und ggf. eine Kompensation, die auch gesetzlich einklagbar sein sollte.
Seva ist nicht kompatibel mit Mechanismen der kapitalistischen Marktwirtschaft. Wenn beispielsweise für eine wiederkehrende Arbeitsleistung ein unüblich geringer Ausgleich (z.B. in Form von Sachleistungen) bezahlt wird, kann dies kein Seva sein. Für Seva gibt es keine Kompensation. In diesem Fall können wir bestenfalls von Selbstausbeutung sprechen. Wenn es einen einseitigen Nutznießer gibt, liegt ein Missbrauch vor.
Der Fokus beim Yoga sollte grundsätzlich auf der Erweiterung und Festigung der individuellen Souveränität liegen. Im Prozess der Bewusstwerdung braucht es den selbstlosen Dienst als Kompensation für das Ego. Damit daraus kein Missbrauch erwächst, braucht es eine starke Sensibilisierung für das Thema bei denjenigen, die für Yoga-Ausbildungen, Yoga-Ashrams und ähnliche Projekte verantwortlich sind. Institutionalisierte Seva-Dienste sollten (ähnlich wie Praktika) zeitlich begrenzt sein und im Einflussbereich der Betroffenen liegen.

Sangeet Singh, September 2023

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